Friedrich Christof Gürr

* 28.10.1921 † 10.09.1940

Friedrich Christof Gürr wurde am 28.10.1921 in der Stuttgarter Hebammenschule von
Dr. Maier geboren. Er war das erste von insgesamt drei Kindern der Familie Gürr. Im
Jahre 1927 kam seine Schwester Maria Marta und nur ein Jahr später sein Bruder Willy
Karl zur Welt. Sein Vater Friedrich Christian Gürr war zwar gelernter Bauschlosser, aber
ohne Arbeit. Bis Anfang 1929 lebte die Familie Gürr bei Bauer Brust in der Kirchstraße
im Hinterhaus. Danach lebte die Familie bei dem Korbmacher Trefz in der heutigen Lange
Straße 46.
Im Alter von vier Jahren erhielt Friedrich Christof eine Pockenimpfung. Als Folge der
Impfung litt er unter Krämpfen und zog sicheine Hirnhautentzündung zu. Kurz darauf
erkrankte er zusätzlich noch an Kinderlähmung.
Ab diesem Zeitpunkt wurde er in einem zentralen Register geführt und immer
wieder amtsärztlich untersucht.

Gürr

Ausweis Von Friedrich Christoph Gürr

Am 01.11.1929 wurde Friedrich Christof Gürr vom Landesjugendpsychiater der
Nervenärztlichen Beratungsstelle für das Fürsorgeerziehungswesen untersucht und
es wurde ein ärztliches Gutachten über ihn erstellt. In diesem Gutachten kommt der
Landesjugendpsychiater zu dem Ergebnis, dass Friedrich, der von allen nur „Fritzle“
genannt wird, von Geburt an schwachsinnig sei.
Ab dem 10.06.1930 wurde er durch das Jugendamt Ludwigsburg in die Einrichtung
Stetten überstellt. Durch die Erkrankungen blieb „Fritzle“ auf dem Entwicklungstand
eines Vierjährigen. Seine Pflegerin und Bezugsperson innerhalb der Einrichtung
Stetten nannte er stets Tante. An Ostern, Pfi ngsten und Weihnachten und
zu besonderen Festen kam Fritzle zu seiner Familie nach Kornwestheim auf Besuch.
Von der Familie wurden regelmäßig besondere Päckchen (Geschenke) nach Stetten geschickt. Auch die Menschen aus dem Kornwestheimer
Ortskern, dem sogennannten „Flecken“, beteiligten sich an den Päckchen.
Bedingt durch die Arbeitslosigkeit des Vaters übernahm die Stadt bzw. der Staat die
Kosten der Unterbringung von Friedrich Christof. Nach Ende des Krieges hätte der
Vater allerdings sämtliche ausgelegten Kosten zurück zahlen sollen.
1940 erfuhr die Familie Gürr, dass die Behinderten ermordet werden sollen. Um das
Leben von Fritzle zu schützen wurde nichts unversucht gelassen. So wurde beispielsweise
angeboten, auf die eigentlich dringend notwendigen Lebensmittelmarken zu
verzichten, wenn im Gegenzug Fritzle nach Hause entlassen werden würde. Als Antwort
bekamen sie nur ein „Da können nicht einmal wir was machen“.

Im April 1940 startete die Familie Gürr einen verzweifelten letzten Versuch Friedrich
Christof zurück nach Kornwestheim zu holen. Doch der zuständige Amtsarzt erklärte
ihn für unbedingt anstaltsbedürftig und im Zuge dessen auch noch für militäruntauglich.
Im Spätsommer 1940 bekam Familie Gürr die Nachricht, Fritz sei angeblich nach Mariaberg. verlegt worden. Dieser Nachricht glaubte die Familie nicht und sie
sollte tragischerweise recht behalten. Mit den berüchtigten grauen Bussen wurde Fritzle nach Grafeneck deportiert. In Grafeneck wurde Friedrich Christof Gürr am 10.09.1940 kurz vor seinem 19. Geburtstag ermordet.
Es wurden vorwiegend die Behinderten, bei denen die Gemeinden / der Staat die Unterbringung bezahlen mussten, ermordet. Am 21.09.1940 kam das Schreiben von der
Landes-Pflegeanstalt Grafeneck mit der Sterbeurkunde, dass Friedrich Gürr an Ruhr
mit anschließender Kreislaufschwäche am 20.09.1940 verstorben sei.
In diesem Schreiben konnte man auswählen: „an welchen Friedhof die Übersendung
der Urne mit den sterblichen Überresten des Heimgegangenen durch die Polizeibehörde
veranlasst werden sollte.“ Die Familie Gürr forderte die Urne an.
Am 24.09.1942 wurde der Bescheid bzw. die Verfügung erlassen: Verzicht auf Weiterverfolgung des Ersatzanspruchs, da nach Lage der Verhältnisse der unterhaltspflichtigen Verwandten mit einem ganzen oder teilweisen
Ersatz der restlichen Fürsorgeaufwendungen nicht zu rechnen ist.
Es ist bis heute unklar, ob in der Urne tatsächlich die Überreste von Friedrich übermittelt
wurden oder von einem anderen Opfer des NS-Regimes. Die Urne wurde auf einem Teilstück des Kornwestheimer Friedhofs bestattet.

Martin Wildner