Michael Wolff

*1878 +28.04.1945 Gastwirt

Erinnerungen an eine Familie, die im nationalsozialistischen Deutschland in Kornwestheim wohnhaft war. Es sind die Erinnerungen an die Familie von Michael Wolff, dem Gastwirt des Gemeindegasthofs »SCHWANEN« an der Stuttgarter Straße. Michael Wolff war Jude, seine Frau Wilhelmine katholischen Glaubens. Ihr Sohn Ernst war schwer gehbehindert und konnte sich nur mit Hilfe von Achselkrücken fortbewegen. […] Mein Vater erzählte oft von den Zusammenkünften der Feuerwehr im »SCHWANEN«. Des Öfteren saß dort auch ein junger Lehrer, der sich als »Otto« vorstellte. Er war stets lustig und unterhaltsam. Sie waren erstaunt, als sie Anfang Februar 1933 erfuhren, dass »ihr Otto« nunmehr Kreisleiter und somit der 1. Mann der NSDAP im Kreis Ludwigsburg war! Die Feuerwehrleute erfuhren außerdem, dass der »SCHWANEN« nun polizeilich geschlossen worden war. Der Grund: »weil der Michel – so nannten sie den Wirt liebevoll – Jude war«. Sie machten sich große Sorgen, was aus ihm und seiner Familie werden würde.

Gasthof Schwanen

Aus alter Freundschaft und Verbundenheit sollte ein Abschiedsessen im »SCHWANEN« stattfinden. Frau Wolff wurde eingeweiht, ihre Bedenken ausgeräumt. In aller Heimlichkeit schlichen die Feuerwehrleute ein letztes Mal in den »SCHWANEN«. Als sie zusammensaßen, klingelte es Sturm. Schwarz Uniformierte stürmten herein‚ begannen ein Verhör und schrieben alle Namen und Adressen der Anwesenden auf. Wenig später kam die Vorladung des Feuerwehrkommandanten zum Kreisleiter der NSDAP Otto Trefz. Nach Einsicht in die Akten vereinbarte man, die Anklageschrift zu verbrennen und strengstes Stillschweigen zu wahren. Da wussten alle, dass nun »andere Zeiten« angebrochen waren …

Michael Wolff arbeitete, um seine Familie über Wasser zu halten, in verschiedenen Gasthöfen als Kellner, bei der Lederfabrik Külbel in Kornwestheim, Karlstraße und Markgröningen. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, bekam die Familie Wolff eine Wohnung in der Alexanderstraße 24.

Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde Michael Wolff in die sogenannte Schutzhaft genommen und in das KZ Dachau eingeliefert, wegen schwerer gesundheitlicher Probleme jedoch wenige Wochen später wieder entlassen. Was er in dieser Zeit erdulden musste, ist nicht bekannt. Ein knappes Jahr später begann der Krieg. Ich verlor die Familie Wolff aus den Augen […] Als ich im September 1945 nach Hause kam, erfuhr ich, dass Michael Wolff den Krieg nicht überlebt hatte. Am Abend des 28. April 1945 wurde der Zug, mit dem er aus Markgröningen von der Arbeit heimkam, von alliierten Tieffliegern angegriffen, und er kam ums Leben – ein mehr als tragischer Tod, nur neun Tage vor Ende des Krieges!

Beim Bau der Uhlandschule in den 50er Jahren wurde eine Kantine errichtet, die Frau Wolff bewirtschaftete. Die Feuerwehrleute trugen kräftig dazu bei, dass dort bald wieder ein reger Betrieb herrschte. Ihr behinderter Sohn Ernst bekam von der Stadt einen Arbeitsplatz im städtischen Schwimmbad und ein behindertengerechtes Auto, starb jedoch schon im Dezember 1964. Frau Wolff starb 1979 im Alter von 85 Jahren.

Karl Bührer